Kür Latein

Tassilo und Sabine Lax präsentierten hier eine hervorragend organisierte Veranstaltung, die an das Flair vergangener Turniertanzzeiten erinnerte. Fernab der Turnhallen dieser Welt wurde hier im Rahmen eines eleganten Balles in der Dresdener Kongresshalle kreativer Tanzsport gezeigt. Eine Atmosphäre, die man eigentlich fast nur noch bei Profiturnieren geniessen kann. Zum Turnier: Acht Lateinpaare zeigten hier in einer Endrunde ihre Kürprogramme. Für die Wertungsrichter eine schwieriges Angelegenheit, da man alle Vorträge nur einmal sehen konnte und sofort seine Wertung abgeben musste. Marco Randel und Stefanie Blob (Nürnberg. Platz 8) waren recht bemüht um gutes Latein. An der technischen Qualität, sowie an der musikalischen Umsetzung fehlte es allerdings noch. Ricardo de Freitas und Diana Rosa Reinig (Heidelberg, Platz 7) wählten Musik aus dem Film "Brazil". Die Dame in der Rolle einer Sekretärin mit bestrasstem Schreibblock und Glitzertelefonn um den Hals war eine hübsche Idee. Vielleicht gab es etwas zu viel "Acting" und zu wenig Tanz. Mir gefiel es trotzdem ganz gut. Frederico Slemties und Stephanie Thoms (Hannover, Platz 6) fanden sehr großen Anklang beim Publikum. Eine sehr innovative, moderne Kür. Interessante Jazzelemente und Roboterbewegungen am Anfang wechselten sich mit akzeptablen Lateinpassagen ab. Das leicht überzogene Selbstbewusstsein des Herrn schien einem manchmal fast den Atem zu nehmen. Hier wäre allerdings etwas Einkehr angebracht , da es technisch noch einiges zu verbessern gilt. Die Dame zeigte eine recht gute Grundqualität, wirkte mit dem Hüftgürtel auf schwarzem Hosenanzug etwas kurzbeinig (da auch Hose etwas zu kurz war). "Taillengürtel" heisst das Zauberwort! Das edle Stück auf der Hüfte zu tragen, ist sowieso "out"! Dennis Tischmacher und Melissa Ortiz-Gomez (Freiburg, Platz 5) zeigten eine sehr geschmackvolle und qualitativ hochwertige Kür nach Musik der spanische Suite "Malaguena" von Ernesto Lecuona. Tolles Kleid, gutes Tanzen!... Spanischer Tanz wechselte sich mit Flamenco- und Salsaelementen ab. Im Ganzen wirkte es allerdings vielleicht ein wenig eintönig. Man wartete auf eine Steigerung oder einen Wechsel. Trotzdem ein Paar mit Zukunft! Anton Ganopolsky und Nataliya Magdalinova (Ludwigshafen, Platz 4) präsentierten eine sehr typische Lateinkür. Schöne Rumbaelemente am Anfang. Die Dame mit sehr guten Füßen. Danach flachte alles leider etwas ab. Des weiteren war eine gewisse Unbeweglichkeit des Herren zu bemerken. Alles sehr geschmackvoll, aber wenig kreativ. Ein hauchdünner Abstand im Endergebnis befand sich zwischen den ersten drei Paaren. Boris und Madeleine Rohne (Leipzig, Platz 3 ) befanden sich mit Ihrer Kür "Senor Coconut" auf ihrem gewohntem Terrain des Revue und Show-Nummern. Sie setzten sehr professionell eine bunte und charakteristische Latein-Kür (inkl. Obstkorb auf dem Kopf ) in Szene, ganz nach meinem Geschmack. Dennoch sprang der Funke zum Publikum am Anfang nicht so recht über. Beide wollten wohl zu viel und wirkten etwas angespannt!. Vielleicht hatten sie durch ihre erfolgreiche Teilnahme am Standard-Wettbewerb davor schon zuviel Pulver verschossen. Schade, auch dieses Paar hätte den Titel gewinnen können! Martin Schurz und Sofia Bogdanova (Bonn, Platz 2) waren mit dem Thema "Diamonds are the girls best friends" vertreten. Wenngleich ich dieses Thema als nicht unbedingt neu empfand, gestaltete sich der Auftritt der vollbestrassten Sofia am Anfang als sehr wirkungsvoll. Was dann folgte, erinnerte mich ein bisschen an den Ablauf einer Formationsmusik. Alles hatte sicherlich eine technisch hohe Qualität und war auf jeden Fall für die vorderen Plätze relevant. Ich hatte nach dem grandiosen "Opening" allerdings etwas mehr erwartet. Dennoch hätten diese beiden sehr guten Tänzer ganz oben auf dem Treppchen landen können. Stefan Erdmann und Sarah Latton (Köln, 1. Platz) wurden mit einer an diesem Abend sehr gut getanzten Kür Deutsche Meister 2008. Dieses Paar, in seinen bisherigen Präsentationen etwas mehr dem Liebreiz zugetan, überraschte mit coolen Techno-Beats im Stil von Art of Noise oder Yello. Dazu ein sehr passendes Outfit von Sarah Latton. Den unerwarteten Wechsel von harten Klängen in doch eine etwas schmeichelnde Soul-Rumba empfand ich diesmal (ich hatte die Kür schon einmal vorher gesehen) als sehr gelungen und im Ausdruck gut unterschieden. Beide sind würdige Deutsche Meister und lieferten den wohl die Mehrheit der Wertungsrichter am meisten überzeugendsten Lateinbeitrag dieser Turniernacht. Nach dem Turnier vernahm ich kritische Stimmen einiger Paare, die sich natürlich mal wieder unterbewertet fühlten. Dazu ist folgendes zu sagen: Ein Kürturnier hat in der Bewertung andere Richtlinien als ein normales Turnier der jeweiligen Disziplin. Hier wird sehr viel mehr Wert auf Stil, Ausdruck und Kreativität, ja sogar auf die Garderobe gelegt. Auf die tänzerischen „Fehler“ von anderen zu verweisen ist ziemlich leicht, aber dumm. Viel besser wäre es, erst einmal seine eigenen Mankos zu beleuchten. Ein gesundes Selbstbewusstsein ist für ein Tanzpaar unbedingt notwendig. Das überzogene Ego einiger Tänzer, Kritikunfähigkeit, gar eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber dem Wertungsrichter ist unprofessionell und birgt den Anfang vom Ende. Es entspricht vor allem nicht den Umgangsformen, die man sich von Profitänzern des DPV wünscht.

Dirk Heidemann
Quelle: www.profitanzsport.de